Mai 24, 2021

Das grosse Beenden Teil IV

Die Gewalt der Zivilisierten

Als es mit der ausgestellten Grausamkeit alten Stils (vermeintlich) vorbei war, konnte die „Inszenierung des Leidens“ aus dem Fundus des Strafens verbannt werden, weil es effizientere Methoden gab und gibt, Gehorsam zu erzwingen. Soziologen sprechen hier von Überwachungstechniken, die ohne Gewalt auskommen und eine Macht erzeugen, die sich ein Herrscher des Mittelalters niemals hätte vorstellen können. Der Verzicht auf grausame Strafen alten Schlages ist nur möglich gewesen, weil Menschen in Machtverhältnisse verstrickt worden seien, aus denen sie sich nicht mehr befreien konnten.
Dabei sind Krieg und Gewalt keineswegs überwunden worden. Wie soll man sich erklären, dass im Europa des 20. Jahrhunderts Millionen Juden getötet wurden, obwohl diejenigen, die Mordbefehle erteilten, „zivilisiert“ waren? Es ist sicherlich auch nicht unwichtig zu beachten, dass diese „Pflichterfüllung wider Willen“ durch einen sozialen Druck entstand, der u.a. durch eine als feindlich empfundene Umwelt entstand. Die Folgen des zweiten Weltkriegs, eine Wirtschaftskrise und Spannungen zwischen vielen europäischen Ländern beherrschten das damalige Klima. Heute müssen wir uns fragen, wozu wir selbst wohl in der Lage sind und sein werden, bei zunehmenden politischen Spannungen, Warnsignalen des globalen, klimatischen Wandels etc.

Womöglich haben wir im Zuge der vergangenen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen und Ereignisse und als militärisch-wirtschaftlicher Gewinner-Adel (dazu mehr im weiteren Verlauf dieses Textes) bereits umgedeutet, was unter Krieg, was unter Gewalt zu verstehen ist und der Kampf ist einfach weitergegangen – je näher er an uns dran war, mit anderen, neuen, weniger offensichtlichen Gewaltformen und desto weiter weg, mit den alten, gleichen Mitteln wie schon vor Jahrhunderten.

Gewalt und Krieg ist stets das, was die anderen tun – Regel Nummer eins in jedem Kriegspropagandahandbuch. Aber auch in vermeintlich friedlichen Zeiten bei uns, führen wir kontinuierlich Krieg. Wir zwingen den Menschen unsere Informations- und Werbebombardements auf. Wir überwachen und zielen auf sie. Wir sperren sie als (Wirtschafts-)kriegsgefangene auf Plattformen und in Betriebssysteme ein. Wir „stubsen“ sie zu den vermeintlichen richtigen (politischen) Wahl- und Kaufentscheidungen. Der Krieg ist ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen.
Wir drängen Menschen in fordernde und fördernde Arbeitsmaßnahmen und entwickeln paternalistische Umgangsformen und Denkweisen in Hinblick auf Langzeitarbeitslose oder „Sozialschmarotzer“ – die wir natürlich nicht (mehr) als solche bezeichnen würden. Der Konformitätsdruck ist groß.
Neuerdings praktizieren wir „Achtsamkeitsmeditation“. Allerdings in einer praktikablen und von religiösen Elementen bereinigte Praxis. Derartige Meditationen wurden auch von Japanischen Soldaten praktiziert – insbesondere vor ihren Kamikazeflügen auf Pearl Harbour. Jeder Scharfschütze in den Armeen dieser Welt lernt, wie wichtig die Präsenz im Moment ist. Die ruhige Atmung. Ein. Aus. Ein. Aus. Luft anhalten. Schuss.
Was sich heute in seiner Friedfertigkeit zeigt, kann morgen schon seine hässliche und gewalttätige Seite offenbaren.

Doch wie kommt es genau zu diesem Wandel der Triebe? Zu den Umdeutungen und Umwandlungen der Formen? Auf diese Frage gibt es eine recht originelle Antwort: Die adligen Krieger hatten irgendwann erkannt, dass sie mit Gewalt nicht erreichen konnten, was sie sich wünschten. An den Höfen des frühneuzeitlichen Staates hatten sie gelernt, miteinander auszukommen, weil der Gebrauch des Wortes dort von größerem Nutzen gewesen sei, als der Einsatz des Schwertes. Nicht aus freier Entscheidung und eigenem Willen, sondern aus Eigennutz sei die rohe Gewalt aus dem Leben der europäischen Eliten verschwunden. Dafür gab es nun „Verflechtungszwänge“, die adlige Krieger in Schmeichler und Intriganten verwandelt hatten.
Heute haben wir Unternehmen und Bürokratien, die ohne Erwartungssicherheit und Berechenbarkeiten nicht arbeiten können – und dabei höchster Wert auf (berechenbare, standardisierte) verhandlungstechnische und empathische Kommunikationsfähigkeiten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gelegt werden – ähnlich wie beim Adel am Hofe.

Krieg gegen die Welt

Wir leben in gewaltvollen, kriegerischen Zeiten. Allerdings erscheint es mir noch viel gewaltvoller zuzugehen, als wir uns eingestehen wollen. In diesen Zeiten die Menschen dazu aufzufordern, sich doch bitte verletzlich zu machen und gewaltfrei miteinander zu kommunizieren ist einerseits verständlich. Andererseits kann es auch dem Lauf ins offene Messer bzw. in die Gewehrsalve gleich kommen.
Natürlich kann es auch zur Beißhemmung auf der anderen Seite kommen, wenn man seinen entblößten Hals, seine Verletzlichkeit zeigt und auffordert zuzubeißen. Das Problem daran ist nur, dass wir es mit keinem einzelnen Lebewesen zu tun haben, sondern mit einer gut geölten Kriegs-, Kampf und Gewaltmaschinerie, die wir als solche gar nicht mehr in der Lage sind zu erkennen.
Die, die uns zur Verletzlichkeit auffordern müssen sich fragen lassen, ob sie es selbst überhaupt tun und wenn ja, ob sie sich im Kampfgetümmel befinden oder im eher sicheren Generalsunterstand.

Unsere tief liegenden Ängste, resultierend aus unserer Verletzlichkeit und Sterblichkeit haben uns in dieses Netz aus vermeintlich schützender Gewalt getrieben. Nun stecken wir tiefer im Kampfgetümmel, als uns bewusst ist. Wir führen Krieg. Jeder gegen jeden. Wir gegen die Natur. Jeder Acker und jedes Weideland für uns, ist weniger Lebensraum für andere Menschengruppen und andere Spezies. Jede Impfung, jedes Antibiotikum ist zwar zunächst eine lebensverlängernde Maßnahme für uns, setzt aber auf der anderen Seite die Bekämpfung von Bakterien und Viren voraus.

Es ist ein Milliarden-Fronten-Krieg, kein Weltkrieg, sondern ein Krieg gegen die Welt, in dem wir uns befinden. Seit einiger Zeit wird zur Lagebeschreibung der Kampfhandlungen das aus dem Militär-Jargon übernommene Akronym „VUCA“ ganz offiziell in der Wirtschaftswelt verwendet. Die Lage ist volatil (schwankend), unsicher, komplex (engl. complex) und ambiguous (engl. mehrdeutig). Um damit besser umgehen zu können, werden wiederum Formen der Selbstorganisation, ja der Selbstführung eingefordert und eingeführt, wie sie seit einiger Zeit auch im Militär üblich sind (s.o.). Und umgekehrt hält auch das Design Thinking aus der Wirtschaft Einzug in die Planung von Waffensystemen und Kampfhandlungen. Wobei das simplifizierte „Design“, das in den letzten Jahren als Quasi-Heilsbringer für die Wirtschaft kultiviert wurde, auch als „Kunstform“ noch nie nur Gutes und Friedliches hervorgebracht hat – wie in der Ausstellung „Design and Violence“ im New Yorker MoMA 2015 zu sehen war.

Kriege folgen einer anderen Dynamik als Massaker oder Pogrome, eine Prügelei unterscheidet sich vom bewaffneten Überfall, Folter vom normalen Strafvollzug, ein gezielter Polizeieinsatz gegen Kriminelle oder Gewalttäter, die Gesetze brechen, vom Terror, den Geheimpolizisten in Diktaturen ausüben, um Furcht und Schrecken zu erzeugen. In allen Gewalträumen aber sind Regeln sozialer Kommunikation, die im Frieden gelten, suspendiert. In ihnen ist das Verhalten von Menschen vor allem eine Antwort auf die Präsenz der Gewalt, und wenn es keine Möglichkeit gibt, vor ihr zu flüchten, weil man aus Gefängnissen und Lagern nicht entkommen, weil man Mafiabanden nicht verlassen kann, weil es in Bürgerkriegen kein Hinterland gibt oder weil man als Soldat nur die Wahl hat, den Gegner zu vernichten oder selbst getötet zu werden, ist soziale Kommunikation nichts als eine Bewältigung von Gewaltverhältnissen.

In unserem Bestreben uns zu schützen, in unserem Bestreben zu Wissen sind wir immer weiter und tiefer in die Welt vorgedrungen, haben der Natur notfalls mit Gewalt ihre Geheimnisse entrissen, so wie es bereits im 16./17. Jahrhundert der Engländer Francis Bacon gefordert hatte. Wir haben in die Erde hineingebohrt, haben Gesteine aus Bergen heraus gesprengt, haben wahrhaftig notwendige und unnötige Gewalt gegen Mensch, Tier und Natur ausgeübt. In der Forschung, wie auch in der Industrie.

Doch solange sich unsere Vorstellung davon nicht ändert, was Gewalt, wo und gegen wen wir Krieg führen, solange werden wir unseren Vernichtungszug fortsetzen. Dabei sollten wir auch bedenken, dass selbst unsere höchsten Werte und Gedanken zu einem nicht unerheblichen Teil auf Gewalt basieren. Ruhiges Denken und vermeintlich friedliches Forschen braucht Ressourcen, die von irgendwoher kommen müssen. Die stets hochgehaltene europäsiche Renaissance war nur durch das Blutgold Südamerikas möglich.
Ohne die Plünderung Amerikas hätte Europa nicht aufgehört, der Hinterhof Eurasiens zu sein, eines Kontinents, der im Mittelalter weit reichere Gesellschaften als die europäischen beherbergte (China, Indien, Byzanz, Arabien). Ohne diesen Raubzug hätte es weder den Kapitalismus noch etwas später die Industrielle Revolution gegeben, und vielleicht nicht einmal das Anthropozän.

Was braucht unsere heutige Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung an Gewalteinsatz, um das tun zu können was sie tut? Die Gefahr besteht, dass die Wissenschaften erneut für eine Art „Ökologie des Krieges“ mobilisiert würden, einen von irgendeiner supranationalen Instanz dekretierten Ausnahmezustand, natürlich unter Kontrolle des geopolitischen Establishments, das mit noch größerer Bestimmtheit die gegenwärtige wissenschaftliche Forschung mit der energieverschlingenden Maschine, die die planetarische Ökonomie am Laufen hält, verknüpfen würde.

Der Appell an die Dringlichkeit könnte einfach ein wunderbares Aufblühen des diabolischen Evangeliums der „Entwicklung“ maskieren (heute grün, nachhaltig, für erhöhte Investments ins kognitive Kapital – und selbstredend ins materielle), mit einem von Dekreten und den Heeren eines Weltstaats gestützten Markt. Letzte wären im Stande, eine absolute politische Stille all jenen aufzuerlegen, die – als Völker, Personen, Länder – die „traurigen, aber notwendigen Konsequenzen“ der getroffenen Entscheidungen im Namen der Dringlichkeit erleiden werden.

ENDE Teil IV

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