Mai 17, 2021

Das grosse Beenden Teil III

Kriegswirtschaft 24/7

Das Gemetzel geht nämlich sowieso mit uns weiter! Weltweit sehen wir heute die höchsten Rüstungsausgaben der letzten 30 Jahre. 2018 brachten es die USA auf sage und schreibe 649 Milliarden US-Dollar. Gefolgt von China mit 250 Milliarden US-Dollar. Worin werden diese Gelder investiert? Was denken Sie?
Natürlich in Waffen, (digitale) Waffen- und Überwachungssysteme, Soldaten – insgesamt in einen riesigen militärisch-industriellen Komplex, der bereits seit dem ersten Weltkrieg an Fahrt aufgenommen hat, der das Silicon Valley ermöglicht hat, seine eigenen Pfadabhängigkeiten geschaffen, Eigen-Logiken und Zwänge entwickelt hat. Eine derartige Kriegsmaschinerie sucht nicht nur nach Einsatzmöglichkeiten, sie erzeugt sie auch.

Ein militärisch-industrieller Komplex ist am Ende des Tages eine riesige Wirtschaft mit ihren ganz eigenen Wachstumszwängen. In immer größere Gewaltpotenziale hinein. Oder, im Rahmen der aktuell laufenden Kriege, in reale Gewalt. Auch und zunehmend insbesondere gegen die Zivilbevölkerung.
Während es früher die Zustände Krieg oder Frieden, Staatenkrieg oder Bürgerkrieg, Kombattanten oder Nonkombattenten gaben, verwischen diese Grenzen heute zunehmend bzw. existieren bereits gar nicht mehr. Indem Angreifer und Angegriffene gleichermaßen in die Opferrolle schlüpfen, verlieren diese Begriffe zudem ihre Konturen. Wer kämpft gegen wen, wenn Kriege nicht mehr offiziell erklärt werden? Sind die Drohneneinsätze der Industrienationen nicht die Selbstmordattentäter ihrer Gegner und umgekehrt? Sind wir mit unseren dauerüberwachten, smarten Geräten (Smart Bombs?), deren Technologien im Wesentlichen der militärischen Forschung entsprungen sind, nicht auch Soldaten – in einem 24/7 (Des-)Informationskrieg, bei dem es um Meinungs-, militärische aber auch um die Konsumentenhoheit geht?
Natürlich haben wir auch Spaß bei der Nutzung dieser Geräte – aber vielleicht ist das auch genau das pervertierte Verhalten, das uns unsere eigenen Gewalt, die Gewalt die von unseren „modernen“ (Kampf-)Handlungen ausgeht, eben nicht mehr wahrnehmen lässt. Heute wird im knallbunten Comicstil in Fortnite ums Überleben gekämpft. Mit lustigen Moves bis zum epischen, alleinigen Sieg.

Unsere spätestens mit den Gräueltaten der beiden Weltkriege nicht mehr zu leugnenden Verletzlichkeit und Sterblichkeit hat nicht zuletzt die Verlierer dazu gebracht auch in den Verlusten und der Zerstörung Gutes zu erkennen. Ansonsten hätte das Geschehen wohl kaum kollektiv verarbeitet werden können. Gewalt und Zerstörung wurde so bei vielen Vordenkern und Interpreten als ein Medium der Erneuerung und Wiedergeburt gesehen. Ökonomen sprachen von der kreativen Zerstörung, die es in der Wirtschaft braucht, um sich zu erneuern. Kriegerisches und wirtschaftliches Handeln teilten nun nicht nur Begrifflichkeiten wie die „Deadline“, „Targets“, „Officer“ etc., sondern glichen sich ihren Denkweisen und Ideologien immer weiter an. Schon immer waren sie sich sehr nah gewesen, sind womöglich sogar sehr früh in der Menschheitsgeschichte auseinander hervorgegangen und haben sich gegenseitig bedingt.


Mobilmachung zum totalen Konsum

Wenn man sich in der europäischen Militärgeschichte umschaut, fällt es insbesondere auf, dass im Frankreich Napoleons dem Berufsherr eine „Volksarmee“ an die Seite gestellt wurde, wodurch die Schlagkraft um ein Vielfaches erhöht wurde – wodurch es aber auch nicht mehr nur um einen Krieg von vielen ging, sondern um das Fortbestehen der Nation und ihrer Werte. Die Marseillaiser Bürger, die in Valmy am 20. September 1792 ein Berufsheer unterstützen, bescherten Frankreich nicht nur seine Nationalhymne. Vielmehr waren sie die Vorboten eines neuen Zeitalters, des Zeitalters der totalen Mobilisierung. Im Gegensatz zu den Söldnerheeren vor den Napoleonischen Kriegen zeichnete sich dieses Herr durch seinen Glauben an die nationale Ideologie aus. Eine Niederlage war gleichbedeutend mit dem totalen Sinnverlust der gesamten Bevölkerung, der ganzen Nation.

Dieses Kein-Zurück-Mehr trieb die Menschenmassen auch in den ersten und den zweiten Weltkrieg. Ein Rückzug, gar eine Kapitulation war nicht mehr möglich. Zu groß wäre der Gesichtsverlust gewesen. Es lief der totale Krieg. Zu groß die Sinnaufgabe. Nach den verlorenen, großen Kriegen brauchte es für die meisten Kriegsparteien nunmehr eine neue Bedeutungsquelle. Diese wurde sehr schnell im Vorantreiben der Wirtschaft gefunden. Das dort bereits vorhandene, aggressive Vorgehen wurde nunmehr als alternative Kriegshandlung fortgeführt. Man könnte vielleicht sogar so weit gehen zu behaupten, dass es nicht nur keinen Frieden nach dem ersten Weltkrieg gab, sondern auch keinen Frieden nach dem zweiten Weltkrieg. Neben dem kalten, militärischen Krieg, lief der Wirtschaftskrieg umso heißer.

Insbesondere das militärisch besiegte Deutschland baute mit all seinen Kräften die militärischen Produktionskapazitäten der Mobilität, der Chemie etc. für die zivile Nutzung wieder auf und aus. Erneut konnte mobilisiert werden. Mit Autos. Mit Flugzeugen. Mit Infrastruktur- und Häuserbau. Mit Chemie und Pharmazie. BASF, Hoechst, Mercedes-Benz, VW hießen die neuen Sinngeber. Geboren aus der Kriegsproduktion hinein in den heißen Krieg der Wirtschaftssysteme.

Auf Seiten der US-Amerikaner hatte die Entwicklung und die Abwürfe der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki, in denen Tausende Zivilisten starben, die Computer- und Kriegstechnologie massiv nach vorne gebracht. Im Zuge dieser Forschungs- und Entwicklungsabreiten wurden die Grundlagen für die verteilte Kommunikations- und Informationstechnologie geschaffen, die wir heute als Internet nutzen. Im weiteren Verlauf brauchte es rechnergestützte, intelligente Systeme, die dabei halfen, Truppen-, Kriegsschiff- und Flugbewegungen massiv zu beobachten, in Teilen vorhersagen zu können und eine Mondlandung zu ermöglichen. Die Grundlagen der künstlichen Intelligenz wurden damit erfunden. Heute sind wir verwundert über den Einsatz dieser Technologien für politische Überwachungs- und wirtschaftliche Zielerfassungszwecke. You get what you build.

Unter Napoleon war, wie bereits oben beschrieben, die männliche Bevölkerung zur Volksarmee geworden, die die Berufsarmee unterstütze. In Deutschland fand der preußische Militärdrill seinen Einzug in das Schul- und Bildungssystem. Nach und nach verlagerten die so gedrillten und abgerichteten Menschen ihre militärisch geschulte Denk- und Handlungsweisen unter ihrerseits militärischen Drohungen und Gewaltanwendung der Polizei in die Fabriken und Unternehmen.
Heute wird der Drill im Fernsehen übertragen – wenn die Modell-Rekruten von Heidi Klum zusammengestaucht werden, wenn Menschen in die Höhle der Löwen geschickt werden und dort ihre Taktiken und Strategien überzeugend darlegen müssen oder wenn Menschen in Hinblick auf ihre Unfähigkeit mit Schulden umzugehen öffentlichkeitswirksam zum Appell antreten. Wir denken, „Taktiken“ und „Strategien“ zivilisiert zu haben, Angriff und Verteidigung friedlich nur noch im Sport zu praktizieren. Doch in diesen Denk- und Handlungsweisen steckt immer noch die Anwendung von Gewalt. Gewalt, die zerstören will und es auch tut. Körper und Geist. Man braucht sich nur anzuschauen, was hinter den Kulissen aber auch ganz offensichtlich im Profisport praktiziert wird. Egal ob Fußball, American Football, Profi-Radsport oder den Olympischen Spielen.

New War / New Work

Mit den Guerilla-Kriegen US-Amerikas in Vietnam 1955-1975, später auch in Nahost änderte sich die Vorgehensweise der Militärs. Die Heere und Einheiten verkleinerten sich, wurden selbstorganisierter. Es galt, vor Ort, im Feld schnelle Entscheidungen zu treffen. Verluste mussten schnell kompensiert werden. Die Informationen über das Territorium wurden von zunehmender Bedeutung (Wozu sammelt die Wirtschaft heute nochmal massiv Daten?). Aber auch die Informationen über die Kriegshandlungen in den Medien wurden kriegsentscheidend. Damals wie heute.

Bereits 1935 bezeichnete der Brigade General Smedley D. Butler den Krieg als den Schläger der Wirtschaft. Hinter Kriegshandlungen standen und stehen stets knallharte Wirtschaftsinteressen (was am Ende die Interessen der eigenen Bevölkerung und hier insbesondere ihrer Wirtschaftseliten sind). Führung und der Einsatz von Führungskräften hat im Militär begonnen. Eine Historie, die sich weiterhin sehr präsent u.a. in den amerikanischen Vorstandstiteln , den Offizieren findet (Chief Execution Officer, Chief Finanical Officer etc.).
Spätestens wenn wir heute Bücher wie „Team of Teams“ des US-Generals Stanley McChrystal lesen und darin die „Neuen Regeln für das Engagement in einer komplexen Welt“ vorgestellt bekommen, sollte uns auffallen, dass die militärischen Kampfregeln denen in der schönen neuen Arbeitswelt nicht nur ähnlich sondern nahezu denkungsgleich sind.
In beiden Fällen geht es um Kräftebündelung durch vereinende Sinnfragen („From many, one“), um „Sharing“ und um die Kunst des Loslassens: Egal was einem in dem einen oder anderen Moment als wichtig oder bewahrenswert erscheint, wenn die Lage es erfordert gilt es, jene Werte, jene Denk- und Handlungsweisen die einen vermeintlichen Sieg im Wege stehen, über Bord zu werfen.
Für die einen ist der Sieg, der Raumgewinn, das Ausschalten von gegnerischen Einheiten, für andere sind es die Marktanteile. Für die einen ist es das Seek and Destroy der feindlichen Waffen, für die anderen das Targeting potenzieller Kunden. Ohne Rückzugsoption. Überwachungskapitalismus pur.

Während das Militär der Treiber für viele militärische Technologien war, war es die Wirtschaft, die ihrerseits, das Militär und den Krieg brauchte. Wirtschaft wie auch Militär machten immer schon gegenseitig gebraucht von ihren Technologien.
Heute bewegen wir uns in einer „Team of Team“-Wirtschaft, nutzen dabei aus militärischen Logiken entspringende Technologien und Verfahrensweisen, wie Flugzeuge, Automobile, das Internet, Mobiltelefonie und künstliche Intelligenzen.
Natürlich kann man der Erzählung folgen, dass diese militärischen Entwicklungen „zivilisiert“ wurden und im Anschluss für „gute“, wirtschaftliche Zwecke genutzt wurden. Doch was heißt „zivilisiert“ eigentlich?
Man kann den Zivilisationsprozess als ein u.a. durch Selbstzwang erzeugtes Versagen von spontanem Handeln beschreiben. Der zivilisierte Mensch versagt sich, was er begehrt, was er liebt oder hasst – und wird so anfällig für das, was ihm die Politik oder eben die Technologien als angemessene Handlungsweisen vorgeben sowie was die vielfältige Werbung der Wirtschaft oder seine Peer via Social Media an ihn anträgt bzw. erlaubt.

ENDE Teil III

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