Mai 10, 2021

Das grosse Beenden Teil II

Rückzug oder Selbstauslöschung

Die Menschheit hat aus ihren ursprünglichen Werkzeugen und Waffen heraus Technologien entwickelt, die in ihren kraftvollen Wirkweisen nunmehr nicht nur gegnerische Gruppen und Armeen bedrohen, sondern Millionen von Tierarten, unsere Versorgung mit Lebensmitteln, das für unser Leben notwendige Erdklima.

Das fortwährende Zurückdrängen und Töten für unser eigenes Überleben, zum Schutz unserer Verletzlichkeit, kommen nunmehr an ihre planetaren Grenzen und kippen ins Gegenteil. Wir beginnen und selbst zu vernichten. Das, was wir über Jahrtausende für unseren Schutz und Fortbestehen als Spezies gelernt haben, funktioniert nicht mehr. Wie einfach wird es uns fallen umzulernen? Welchen tief liegenden kollektiven und individuellen Ängsten müssen wir uns dazu stellen? Welche Lebensweisen müssten daraus folgen? Haben wir die Denk- und Handlungsweisen dazu? Welche politischen Techniken und Systeme braucht es dazu? Welche Technologien?

Ich denke, im Kern muss es um einen Rückzug gehen. Die Alternative lautet: Rückzug oder Selbstauslöschung.

Doch ein Rückzug erscheint uns heute kaum als der so heiß ersehnte Fortschritt. Er klingt nach Rückschritt. Statt nach Wachstum, nach De-Growth oder Schrumpfen. Statt Marktanteile zu gewinnen, statt Monopole aufzubauen, statt von Zero to One klingt es nach From One to Zero.
Statt höher, schneller, weiter, geht es um ein bodenständiges Langsamer und Näher. Wer kann sowas wollen? Wo bleibt die Rebellion? Die Avantgarde (die militärische Vor-Hut)? Der „War for talents“? Wer begibt sich freiwillig in die Rolle des Verlierers? Nach Jahrtausenden währenden Streben nach Sicherheit sollen wir diese plötzlich aufgeben, uns als verletzliche Nacktaffen zu erkennen geben, unsere Sterblichkeit lauthals verkünden und uns quasi freiwillig opfern? Können wir denn nicht in die Unsterblichkeit der Singularity fliehen? Zumindest die, die es sich leisten können? Oder zumindest auf den Mars?

Nicht von ungefähr scheinen einige Autoren mit ihrem Ruf nach mehr Verletzlichkeit in der Gesellschaft einen Nerv getroffen zu haben. Allerdings befürchte ich, dass wir es in den auf Konkurrenzkampf und Wettbewerb geeichten Gesellschaften auf breiter Front (!) nicht schaffen werden, uns verletzlich zu zeigen. Aber als ein Richtungskompass könnte sie sehr wichtig sein. Für das Ziel, Gesellschaften zu schaffen, in denen wir uns sicher fühlen, weil wir verletzlich und sterblich sind. Weil wir dies ohne Scham und Angst zeigen können.

Auch wenn es zunehmend Menschen gibt, die dies tun, wird dies auf Grenzen in den bestehenden Strukturen stoßen. Jene Strukturen können sogar diesen Bestrebungen gegenüber höchst gefährlich werden. Schließlich geht es um einen Wertewandeln. Dieser wird Gruppen und Gruppierungen herausfordern, die dadurch an Macht und Einfluss und damit ihrerseits an Sicherheit verlieren, verletzbar werden würden und vielleicht (noch) nicht bereit dafür sind.

„Strukturen“ klingt stets sehr abstrakt. Was ich damit meine, sind die bestehenden gesetzlichen Rahmenbedingungen. Strukturen sind die Inhalte und Institutionen der Medien, die wir aufnehmen und implizit wahrnehmen. Es sind unsere Bildungseinrichtungen. Unsere Geld- und Finanzsysteme. Sie alle dienen vom Ur-Sprung her unserer Sicherheit. Dem Erhalt unserer Gruppen, unserer Gesellschaften, unserer Versorgungssysteme. Sie alle dienen dem Schutz unserer nackten, weichen Haut, unserer Herzen und Seelen. Zumindest taten sie das bis heute, für jene, die sie versorgten – meist auf Kosten anderer Kulturen oder Lebewesen. Stets in Abgrenzung und zumeist in Konkurrenz zu den anderen Systemen und Strukturen der anderen Menschengruppierungen.

In all den Kämpfen und Kriegen haben stets die Sieger ihre Kultur gegen die Kulturen der anderen aufgeboten. Natürlich wurden die Siegerkulturen nicht zu einhundert Prozent von den Besiegten übernommen. Und immer nahmen auch die Sieger Teile der anderen Kulturen in sich auf. Am Ende galt dann aber jene Melange als die quasi naturgegebene, beste Kultur und Gesellschaft, die man sich vorstellen konnte. Jene Kultur definierte von da an, was im Zusammenleben als richtig und was falsch zu gelten hatte. Explizit und implizit wurden Bildungsinhalte gelehrt.
Doch was vielleicht am allerwichtigsten war, war die Frage danach, was als Gewalt, als gewaltvolles zum Teil auch strafbares Handeln galt und was nicht.

Die Gewalt der anderen

Während es in früheren Zeiten durchaus sinnstiftend war, sich als kriegerisch, kraftvoll und gewalttätig zu sehen, sehen wir es heute im Zuge von Aufklärung, Humanismus und Menschenrechten als erstrebenswert an, „zivilisiert“ miteinander umzugehen. Dem Argument Vorrang vor der Waffe zu geben. Gewaltfreie Kommunikation als Grundvoraussetzung um sich am Ende auch verletzlich zeigen zu können? In der Moderne könne das Massaker also nur noch als Entartung wahrgenommen werden. Im Mittelalter aber sei das Rauben, Plündern und Töten nicht verboten gewesen, es habe zur gesellschaftlichen Umgangsform gehört. Ein Adliger, der nicht imstande gewesen wäre, seine Gegner zu töten, hätte sich um Ansehen und Autorität gebracht.

Das mag zum einen stimmen, doch zum anderen dürfen wir nicht vergessen, dass es zunächst wir sind, die auf die unterschiedlichste Arte und Weise festgelegt haben, was wir überhaupt erst als Gewalt sehen und verstehen wollen. Den Faustschlag ins Gesicht erkennen wir sofort als Gewalt. Aber wie steht es z.B. um die Schulpflicht? Wann wird eine Pflicht zum Zwang und im nächsten Schritt zu einer gewaltvollen Handlung? Wie steht es um die „First-Line-of-Defense“, der Botschaften und Vertretungen, wo bereits ein Großteil von Menschen, die auf der Flucht sind, selektiert werden? Wie ist es um das, rechtlich abgesegnete, Schreddern von männlichen Küken bestellt? Sind diese Strukturen, die sowas zulassen nicht selbst Formen von Gewalt? Oder beginnt Gewalt wirklich erst dort, wo an der Grenze geschossen wird? Wo Menschen ertrinken? Und ist das Ertrinken-lassen nicht auch am Ende eine Form von Gewaltanwendung?

Wenn wir unsere Produkte des täglichen Lebens entspannt und friedlich im Supermarkt einkaufen – auf Kosten der ausgebeuteten Natur, der Böden, der Menschen, die die externalisierten Kosten unserer billigen Preise tragen, auf Grundlage einer unglaublich billigen Logistik und ihren schlechten CO2 Bilanzen – ist das nicht ein gewalttätiger Handel(!), zu dem wir beitragen?
Das Wissen darum existiert. Bin ich allein deswegen nicht gewalttätig, weil ich nichts von der Gewalt weiß, die von meinem Handeln ausgeht? Weil ich es nicht wissen will? Wie steht es um den erfolgreichen Jung-Unternehmer, der schnellstmöglich ein Monopol aufbauen soll – benötigt dieses Ziel nicht auch Formen der Gewalt? Sind „Lock Ins“ auf digitalen Plattformen nicht Formen von Gefangenschaften und Freiheitsentzug?

In meinem BWL-Studium hatte ich gelernt, dass Ford seine Fließband-Idee aus dem Produktionsbetrieb von Fleischereien abgeschaut hatte. Doch dies scheint nur zum Teil zu stimmen. Viel eher waren es die Fließband-Techniken, die der erste Weltkrieg mitbrachte, um schnell und viele Militärfahrzeuge produzieren zu können. Diese enormen Produktionskapazitäten brachten Ford die Möglichkeit auch massenhaft für den zivilen Markt zu produzieren. Im Automobilbereich schaffte sich so das Angebot seine Nachfrage. Die Notwendigkeiten des Krieges bestimmten aber auch in anderer Hinsicht die spätere, zivile „Mobilmachung“. Die Autobahnen, die in erster Linie für eine schnelle Truppenverlagerung gebaut wurden, wurden Ermöglicher des massenhaften Individualverkehrs, wie wir ihn heute leidlich versuchen wieder einzudämmen. Das Eindämmen von Kampfhandlungen ist immer noch eine der schwersten militärischen Operationen – im Gegensatz zu ihrer Ausweitung.

Die Serienfertigung von Kampfflugzeugen im zweiten Weltkrieg (Spitfire vs. Messerschmitt) erzeugte enorme Produktionskapazitäten, die es nach dem Kriegsende ebenfalls galt auszulasten – massiv wurde das private und massenhafte Fliegen vorangetrieben.
Die Geschichten, die uns von den Automobil- und Flugkonzernen erzählt werden handeln zumeist von den positiven Beiträgen, die diese für die Gesellschaften leisteten: „Demokratisierung“ der Mobilität, des Reisens, Eröffnung neuer wirtschaftlicher und familiärer Horizonte (das Eigenheim im Speckgürtel). Heute sehen wir uns mit zunehmend logistischen und klimaschädlichen Herausforderungen konfrontiert, die mit dieser massenhaften Mobilmachung einhergehen.

Wenn man sich den „Krieg auf den Straßen“ anschaut, das massenhafte Abwerfen von Touristen auf Reiseziele in der ganzen Welt, dann könnte man durchaus zu dem Schluss kommen, dass sich die Militärgeschichte aus den Anfängen jener Technologien erneut ihre ballistischen Bahnen bricht, insbesondere wenn Wirtschaftsstrategien Militärstrategien nicht wirklich unähnlich sind, und die eigentlichen Befehlshaber nicht mehr die Kapitäne in Hahnenkampf-Gruben (Cockpits) sind, sondern die Schlachtfelder selbst, die Aktien- und Finanzmärkte. Militär hatte eigentlich noch nie den Ruf, besonders gewaltfrei zu agieren.

Vielleicht stört den einen oder die andere der leicht polemische Ton, der sich in diesen Text eingeschlichen hat. Das tut mir sehr leid. Vielleicht habe ich dadurch sogar Leserinnen und Leser verloren. So ist das halt im Krieg. Es gibt Verluste. Immer. Auf allen Seiten. Schmeißen wir uns ruhig weiter ins Kampfgetümmel und kommen aus der vermeintlichen Defensive!

ENDE Teil II

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